Donnerstag, 13. Mai 2010

Holzweg Konzil

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Die Breitseite, die ich gestern auf das letzte Konzil geballert habe, hat bei Magdi von Maria - Mutter, Friedenshort Widerspruch hervorgerufen. Vorab: Ich bin Magdi für diese kritische Wortmeldung sehr dankbar - nicht zuletzt, weil es meines Ermessens ohnehin interessant wäre, in der Blogozöse eine Diskussion über das Zweite Vatikanische Konzil loszutreten. Auf Magdis Fragen wollte ich zuerst in einem Folgekommentar antworten; jetzt mache ich lieber einen Blogeintrag daraus und erlaube mir, Magdis Einwände zu zitieren.

Wenn ich dich richtig verstehe, hättest du gern die Entwicklungen des Konzils alle rückgängig gemacht, die Formen der vorkonziliaren Liturgie wieder zurück und überhaupt die Hinwendung zur Welt?
Gute Frage. Die Welt ist nie schwarz und weiß. Natürlich kam es durch das Konzil zu Entwicklungen, die auch ich begrüße, etwa die Entkrampfung im Verhältnis zum Judentum. Werfe ich allerdings einen Blick auf die durch das Konzil in unseren Breiten (ich meine damit im weitesten Sinn die westliche Welt) initialisierten Entwicklungen, die nicht zu einem "neuen Pfingsten", sondern zu einer haarsträubenden Säkularisierung kirchlicher Strukturen und zu einer Verwässerung der Glaubenssubstanz geführt haben, dann muß ich sagen, daß ich die meisten Entwicklungen des Konzils tatsächlich lieber rückgängig gemacht sähe (was en gros illusorisch ist).

Gerade auch auf dem Gebiet der Liturgie! Der haarsträbende, mitunter hochnotpeinliche Subjektivismus, der auf diesem Gebiet allzu oft in den Kirchen zu erleben ist, entspringt konsequent einer "Liturgiereform", die, sei es im Meßbuch, sei es im Stundengebet, das Ordinarium wie das Proprium in Form von Bastelbögen präsentiert: Wähle das oder das oder das und halte ein einführendes / kommentierendes / erklärendes Blabla dazu. Das zugrunde liegende Konzilsdokument Sacrosanctum Concilium lieferte die passenden Gummiparagraphen und Paul VI. segnete den ganzen Mist auch noch ab. Meine klare Ansage: Dann lieber zurück zu den vorkonziliaren Formen (woran man en detail arbeiten kann).

Sicher, sie sind nicht immer auf Anhieb verständlich. Also gilt es, die Menschen zur Liturgie emporzuführen, anstatt die Liturgie zu den Menschen herunterzuzerren, zumal die Menschen, wie es mir scheint, mit dem Absenken des Niveaus zunehmend auch weniger liturgiefähig geworden sind.

"Die Hinwendung zur Welt"? Die Kirche hat sich stets der Welt zugewandt, um ihr Christus zu verkünden. Eine andere Hinwendung ist, streng genommen, nicht nötig. Natürlich ist es nett, das Gute in der Welt auch anerkennen zu wollen und ihr auf die Schulter zu klopfen. Aber wo sich "Hinwendung zur Welt" in solcher Sozialkosmetik erschöpft und die Verkündigung des Reiches Gottes faktisch auf der Strecke bleibt, da sollte man auf die schmusige Welthinwenderei lieber verzichten und sich auf das konzentrieren, was allein notwendig ist: Das Wort zu verkündigen, es sei gelegen oder ungelegen. Im letzteren Fall bekommen viele unserer Bischöfe und Priester aber kaum mehr das Maul auf.

Aber ist eine "Verheutigung" des Glaubens und seiner Verkündigung nicht der einzige Weg, den Menschen das Evangelium, die Frohe Botschaft zu verkünden?  
Der Glaube muß überhaupt nicht verheutigt werden. Der Glaube - genauer: das Glaubensgut - ist immer Heute, ist immer Gegenwart, gesprochen aus der (zeitenthobenen) Ewigkeit Gottes in die Zeit. Die zeitliche Komponente, die hier hineinspielt, ist allein dem zeitlichen Wesen des Menschen in der Welt geschuldet. "Verheutigen" kann man bestenfalls die Formen der Verkündigung, wobei die Substanz gewahrt werden muß. Wenn ich nun einen Blick auf die "nachkonziliare" Verkündigung werfe, dann gereicht die "Verheutigung" dem Konzil nicht gerade zur Ehre.

Mit dem Schlagwort "Verheutigung" hat das Konzil den Menschen einen bösen Floh ins Ohr gesetzt, der sich zum Parasiten des Glaubensgutes entwickelt hat: Er saugt dem Glauben so lange die Lebenssäfte aus, bis dieser zu einer blutarmen Zivilreligion mit Sozialanstrich mutiert.

Ästhetik, Formen und Gebräuche sind doch alle nur ein Weg, dies zu tun. Und die können unterschiedlich sein.
Keine Frage! Deswegen ist die "alte Messe" auch keineswegs die "einzig wahre Messe". Ich würde auch nie, wie tendenziell etwa Martin Mosebach, die vorkonziliare Liturgie in die Nähe des nahezu Unantastbaren rücken. So finde ich etwa die Grundidee des neuen Stundengebets, den Psalter auf einen Monat statt - wie früher - auf eine Woche zu verteilen, durchaus begrüßenswert, da das Tagespensum des Breviarium Romanum für Weltpriester insgesamt doch recht füllig ist. Leider ist mit der Liturgia horarum der Grundstock für einen weiteren liturgischen Gemischtwarenladen gelegt worden. Wenn man mir schon neue Riten und Rubriken (wobei die "neuen" Rubriken fast schon ein Witz sind) aufbrummt, dann sollten sie zumindest nicht schlechter sein als die alten.

Und ich möchte mir nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn es das Konzil nicht gegeben hätte, wie dann die Kirche heute aussehen würde.
Eines ist klar: Es geht nicht an, irgendwelche vermeintlich "guten alten Zeiten" zu zementieren oder ein frömmelndes Disneyland mit tridentinischer Messe zu etablieren. Wie schon im letzten Eintrag erwähnt: Ecclesia semper reformanda - die Kirche bedarf beständig der Erneuerung.

Wenn ich aber aktuelle kirchliche Zustände betrachte, dann beschleicht mich der Gedanke, daß es zum "Weg des Konzils" wahrscheinlich jede Menge besserer Alternativen hätte geben können. Angesichts der aktuellen Lage würde ich etwa die Behauptung, mit dem Konzil sei der Königsweg eingeschlagen worden, für reichlich realitätsblind erachten. Daraus folgt hinreichend, wie bereits angedeutet, daß es wahrscheinlich unzählig bessere Wege (und ein paar noch schlechtere) gegeben hätte, die Kirche in das 21. Jahrhundert zu führen. Aber das alles ist ebenso Spekulation wie die Vorstellung, daß es ohne Konzil noch viel schlimmer bestellt sein könnte ...

Schön und gut ist die Rede vom "Heiligen Rest", aber müssen nicht Wege gefunden werden, allen (!) Menschen von IHM zu erzählen? 
Ich weiß jetzt nicht so ganz, wo ich vom "heiligen Rest" gesprochen habe, aber in der Tat ist mir eine (alte) Messe mit dem "heiligen Rest", meinethalben in einer Hinterzimmerkapelle, weitaus lieber als Generalbespaßung mit Hostien-Dipp im Dom.

Daß Wege gefunden werden müssen, allen (!) Menschen von IHM zu erzählen, da bin ich mit Magdi ohne Abstriche einer Meinung. Die Gemeinschaft der Heiligen ist auch mir lieber als der "heilige Rest". Allerdings glaube ich, daß das Konzil die Kirche gerade in dieser Frage auf einen Holzweg katapultiert hat.

Kommentare:

bee hat gesagt…

Nun, ich denke was die Form angeht: Wenn man will, kann man jede Form schreddern. Wenn Gebete dahergesagt werden, statt gebetet, ist es ziemlich egal in welcher Sprache und was gesagt wird. Wenn das Herz nicht beteidigt ist, ist kein Ritus der rechte Gottesdienst. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass es ein grundsätzliches Missverständnis darüber was denn nun aktiven Teilnahme sein soll gibt und dass dieses Missverständnis mit der Einführung der Neuen Messe noch vertieft wurde. Was teiweise dazu führt das die Gemeinde mit allem möglichen beschäftigt wird, nur nicht mit beten.
Was die Verkündigung angeht, weiß ich nicht ob es da je besser war. Schon vor dem V2 hatten sich breite Bevölkerungsschichten vom Glauben im Alltag gelöst. Ich weiß, dass meine Großeltern, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts geboren wurden, nur zur Kirche gingen, weil man sonst schief angeguckt wurde. Denen ging es ziemlich am Arsch vorbei, was die Kirche lehrte und als der gesellschaftliche Durck nach dem Krieg wegfiel, wurde sonntags ausgeschlafen.
Ich denke es ist müßig sich darüber aufzuregen, was in den letzten Jahrzehnten alles nicht gemacht wurde.
Ich hab, auch wenn es im Ausland war, Gemeindemodelle gesehen, die funktionieren. Es gibt Gemeinden, die jedes Jahr RCIA Klassen mit mehr als 50 Leuten haben und die nicht Larifari-Katechese betreiben. Wer sich dort in der Gemeinde registrieren lässt, katholisch oder noch nicht, bekommt direkt gesagt, dass er doch bitte einen angebotenen Glaubenskurs besuchen soll. Dort wird niemand getraut, der nicht wenigstens ein Jahr Ehevorbereitung hinter sich hat, was einen signifikanten Rückgang der Scheidungen in den letzten zehn Jahren zur folge hat. Wenn ich da erzähle, dass es bei uns im Pfarrgemeinderat Leute gibt, die weder regelmäßig zur Messe erscheinen und seit ihrer Erstkommunion nicht mehr beichten waren, fast man sich da an den Kopf. Das gibt es dort einfach nicht. Wenn ich dann sag, dass dies die Folgen von V2 sind, fragt man mich, ob überhaupt wer die entsprechenden Dokumente kennt. Und das sind keine winzigen Gemeinden im verschlafenen Mississippi-Delta, wo man sonntags eh nichts anderes machen kann wie fischen, grillen und zur Kirche gehen. Das sind Großstadtgemeinden mit mehr als 2000 Mitgliedern.

Gespräche am Jakobsbrunnen hat gesagt…

Na ja, es ist immer leicht, im Nachhinein etwas zu kritisieren, als in die Zukunft schauen zu können :).
Meiner Meinung nach war das Konzil einfach viel zu früh! Die große Freiheit des Konzils setzt eine gewaltige menschliche und religiöse Reife voraus, die die meisten von uns einfach nicht haben. Sagt doch vor einigen Wochen ein Firmling zu mir (12 Jahre alt): "Tja, wenn Gott die Liebe ist, dann kann ich eh tun und lassen was ich will, dann muss er mich doch einmal in den Himmel lassen!" Siehste, das versteht das Volk drunter, wenn du verkündigst, dass Gott die Liebe ist: einen Freifahrtschein ins Himmelreich. Ist aber deswegen die Botschaft vom liebenden Gott falsch? Nein. Es liegt am Unverständnis der Hörer! Und genau so sehe ich das Konzil: es traute den Menschen wesentlich mehr zu, als diese vermögen zu leisten. Dazu muss man noch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zählen, die ja auch an der Kirche nicht spurlos vorbei gehen kann. Und dass die "Deutschen" ein aufmüpfiges Volk sind, ist ja auch bekannt. "Mir hat keiner was zu sagen oder vorzuschreiben", ist des Deutschen liebste Einstellung.
Ich geb dir aber insofern Recht, als dass mit dem Konzil sehr viel Mystisches über Bord geworfen wurde, das Heilige, das Undurchschaubare! Der Respekt vor dem Heiligen ging verloren, man macht sich Gott dienstbar (sind dann so Sätze wie: Gott will den Menschen dienen; also wenn ich das schon höre, dann könnte ich ausflippen).
Mich aber würde mehr interessieren: wie möchtest du den Glauben/ den Glaubensinhalt den Menschen vermitteln: wo wie wann? Ist ja nicht so, dass die drauf warten würden! Also welche Anregungen hast du?

Stanislaus hat gesagt…

Kleine Ergänzung zum Stundengebet: Selbst der Vierwochenpsalter scheint einigen Zeitgenossen noch zuviel des Gutes zu sein, so daß es inzwischen auch die "Light"-Versionen der Marke "Magnificat" oder "Te Deum" gibt und sich ersteres sogar "DAS Stundenbuch" nennt. Geht irgendwie gar nicht!