Samstag, 4. September 2010

Wer kämpft, kann verlieren



Mein Verhältnis zum NGL ist nicht das Allerbeste, aber es gibt einige Elaborate, die ich schätze. Beispielswegen folgendes Lied:


Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Weite: Herr, erbarme Dich!


In der Blogozese bricht sich - von Zeit zu Zeit - immer wieder mal ein wenig Verdruß an der Kirche die Bahn, jüngst etwa hier bei Ulrich. Das Menschliche, Allzumenschliche, welches die Kirche "auszeichnet", verdrießt zuweilen auch mich. So bekomme ich meistens zumindest das innere Kotzen, wenn sich Robbie samt seinem onkelhaften Plauderton zu Wort meldet, selbst wenn er dabei, kommt ja vor, katechismuskonform bleibt. Oder wenn vom Pfarrer bis zum Pastoralassi dauernd von Liebe, Achtsamkeit, Mitmenschlichkeit, Verstehen rumgesäuselt wird, von diesem ganzen appellativen Schweinkram eben, den die Wirklichkeit allzu häufig als Worthülse denunziert. Anspruch und Wirklichkeit klaffen in der Kirche gerne auseinander. Und warum den Balken bei den anderen suchen? Eigentlich reicht es schon, sich selbst im Spiegel anzuschauen, und man kann recht rasch die Nase voll haben. Ihr sollte meine Zeugen sein? Gott bewahre!


Zum Glück, und dies kann man sich meines Ermessens nie genug vergegenwärtigen, sind nicht nur wir Kirche, weder Robbie, noch der kirchensteuersatte Sülzpfaff, noch die lohnabrechnungserlöste business-as-usual-Pastoral, weder du noch ich.
Kirche, das sind (auch) die anderen: die Heiligen, die Chöre der Engel, die Seelen in der Läuterung. Kirche, das ist der mystische Leib unseres Herrn. Wir hingegen sind "nur" die sogenannte "streitende" Kirche, für die Churchills Satz gilt: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren". Das punktuelle oder dauerhafte Scheitern gehört jedenfalls dazu. Oder um es mit einem anderen Briten, es soll Oscar Wilde gewesen sein, zu sagen: Die katholische Kirche gefalle ihm besser als die anglikanische, denn diese kenne nur ehrenwerte Persönlichkeiten, jene aber Heilige und Sünder.


Ich habe zu diesem Beitrag ein Bild aus der Beuroner Abteikirche gewählt, es dürfte die Apotheose des hl. Martin zeigen. Für mich zeigt es noch etwas anderes: Daß wir immer wieder den Blick entgrenzen müssen, hinaus über die grauen Kirchenmauern, in denen bei aller hübscher Dekoration auch viel Dreck verbaut wurde und verbaut wird. Vielleicht sehen wir dann den Himmel offen ...



Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor Dich.
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme Dich!

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Unter den NGL-Liedchen, die ich im allgemeinen einfach nur schrecklich finde, eines der qualitativ besten. Nur habe ich noch keine Gemeinde gehört, ebenso noch keinen Organisten, der die raschen Tempiwechsel und Synkopen sauber hinbekommt, ohne daß sich entweder Gemeinde oder Organist verhaspeln. Das ist Tanzmusik, auf deren Melodie man einen flotten Foxtrott tanzen könnte, die aber keineswegs zur Meditation einlädt, sondern zum Mitwippen. Eher Bigband als Orgel, eher Schlagerschnulze als religiöses Lied. Inhaltlich gesehen ist der Text nicht mystisch, sondern psychologisch orientiert. Was sollte mich daran hindern, diesen Wunschkatalog meinem Psychotherapeuten vorzutragen?

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Vielleicht mag ich dieses Lied auch deswegen, weil ich es - im Vergleich zu anderen NGLern - auf der Orgel dennoch gut darstellbar finde. Nun gut, der Rhythmus ist ein wenig vertrackt, aber beherrschbar. Und der Text? Nun ja, Gedanken, daß Gott ins Weite führe etc. kann man psychologisch erachten, doch sind auch solche Gedanken ursprünglich biblisch (im Psalter findet sich dererlei nicht selten), ehe sie in den Psychojargon übergegangen sind.