Dienstag, 6. Oktober 2009

Schönelinkeweltteileinz

         
Ach du großer Weltgeist, was haben die Menschen auf ihrem Weg zum Paradies auf Erden nicht schon alles hinter sich gelassen: Die Sklavenhaltergesellschaft, die Feudalgesellschaft, die Bürgergesellschaft mit ihrem kapitalistischen Scheinglück. Und den Sozialismus. Nun ja, letzterer wurde von den undankbar Betroffenen ziemlich bald gegen die Vorgängergesellschaft, Scheinglück inklusive, eingetauscht. Und was haben die jetzt davon? Hartz IV ... gebeuteltes Aldi-Prekariat statt stehende HO-Kunden. Dauernd Billig-Bananen statt delikater Seltenheiten.

Aber klar, die Fortschrittskurve hat einen kleinen Knick bekommen. Doch wer von der Sache überzeugt ist, den ficht das nicht an. Auf dem Weg der Verheißung in den Kommunismus kann man sich den Sozialismus nämlich auch sparen.

Wie das? Eine "links-emanzipatorische" Weltanschauung macht's möglich! Nie um eine alternative Rede verlegen, wenn die super Ideen von Marx und Engels und Lenin und Stalin und Mao und Pol Pot wieder mal nicht so funktionieren, wie es ihre Propheten einst verkündeten, verlegt man sich auf das, was den Menschen gefällt: Freiheit! Warum sich auch mit den Details des Weges aufhalten, wenn das Ziel toll tönt? Grau ist alle Theorie, doch grün des Lebens roter Baum: Keine Repression! Kein Gott, mit dessen Gespinst sich Unterdrückungsmechanismen institutionalisieren lassen! Kein Staat, der Unterdrückungsmechanismen institutionalisiert! Kein Patriarchat! Klassenlose Gesellschaft! Toll. Die Menschen werden immer besser.

Ist ja auch klar, weil wir alle total vernünftig werden. Weil die Welt ein globaler Freiraum sein wird, ein großes Autonomes Zentrum, ein gewaltiger Wagenplatz, ein immerwährendes D.I.Y.-Festival mit veganer Volxküche, ein überquellender Umsonstladen: Alles für alle und alles gleich jetzt. Und man kann sofort mit der Umsetzung anfangen, selbst in der finster marktradikalen BRD. Voll praktisch: Eine alternative Welt leben, praktisch unterstützt von Aldi, Lidl, Penny, der Uniklinik, dem öffentlich Nahverkehr und dem nächstgelegenen Müllentsorger. So geht Autonomie. Klasse.

Das macht uns künftig so froh, daß wir uns selbstverständlich nach Talent - aber vor allem nach Lust und Laune - für und in das Ganze einbringen werden, ohne assozial nach jenem Mehrwert zu fragen, den die Kapitalisten Profit nennen. Schließlich wissen wir, daß aller Mehrwert auch unser Mehrwert und aller Fortschritt auch unser Fortschritt sein wird, wie das bereits die sozialistische Wandzeitung wußte, ehe deren Leser den Sozialismus samt Zeitung in die Tonne traten. Aber der war ja auch "links-totalitär" und daher mangelhaft. Jetzt geht's "links-emanzipatorisch" völlig andersrum. Funktioniert garantiert!

Und wer nicht solcher Meinung ist, kriegt eine auf's Maul oder wird zumindest verbal kräftig angerotzt, selbstverständlich - "Christen fisten" - ganz demokratisch kulturell. Oder kriegt eine brennende Bibel vor die Füße geschmissen. Und wird zum Lebensschützertroll erklärt.

Denn merkt auf und habt acht: Freiheit geht auf dem Weg zu repressionsfreier Generalbeglückung nur unter Anwendung repressiver Toleranz, Andersdenkende dürfen bestenfalls Ähnlichdenkende sein. Und Rosa Luxemburg hätte mal besser ähnlich wie später Marcuse denken oder die Klappe halten sollen.

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