Sonntag, 9. August 2009

Fair play ... oder: Wenn die Nase nervt

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Heute stand wieder einmal der leichte organologische overkill auf dem Plan: Zwei Messen im außerordentlichen römischen Ritus in Basel, am späten Vormittag in St. Anton (eine interessante Betonbasilika aus den 1920er-Jahren, die sich mit dem Spitznamen "Seelensilo" herumschlägt) und nachmittags wieder in St. Joseph, wo noch ein Vierteljahrhundert zuvor die Neorenaissance munter Urständ feierte. Weil die dann doch irgendwie dekorativer deucht als die sichtbetonselige katholische Moderne, habe ich als ersten optischen Happen oben die Sakramentsandacht aus St. Joseph ins Bild genommen. Und so sieht St. Anton aus:

Dort steht leider nur so ein elektroakustisches Orgelpseudodings zur Verfügung, welches für die Messe, die an einem Seitenaltar gefeiert wird, immer aus einer Nebenkapelle in den Kirchenraum gezerrt werden muß. Die große Orgel in St. Anton kann (darf, soll) aus unerfindlichen Gründen nicht benutzt werden, leider. Wie man übrigens sieht, sind "barocke Baßgeigen" für "tridentinische" Messen keineswegs zwingend vorgeschrieben ... In St. Anton wär das schon fast ein Stilbruch: Blumenschnörkelstick vor brauner Wandkachel geht garnicht.

Das Evangelium am 10. Sonntag nach Pfingsten sorgt für ein Wiedersehen mit dem ultrafrommen Schriftgelehrten und dem ziemlich zerknirschten Zöllner (Lk 18, 9-14), der sich irgendwo hinter im Tempel rumdrückt, während der Pharisäer dem lieben Gott seine religiösen Ruhmestaten haarklein aufzählt. Seit Jesus dieses Gleichnis in Umlauf gesetzt hat, wird sich kaum ein Christenmensch vor dem Altar hinpflanzen und eine vergleichbare Platte auflegen. So nach dem Motto: "Herr, ich danke Dir, daß ich nicht wie meine Mitmenschen bin ... ich esse freitags Fisch, zahle meine Kirchensteuer und füttere Deinen Kollektenbeutel (gehe regelmäßig zur Messe, bete den Rosenkranz, gestalte einen katholisch-kirchentreuen Blog im Internet, um Deine Wunder world wide zu rühmen" usw.) Nee, diesen Brei rühren wir dem lieben Gott nicht an. Aber mal ehrlich: Wie oft sind wir innerlich selbstbestätigend "froh", nicht so zu sein wie dieser oder jener Zeitgenosse: weil uns – in die Menschen reinsehen können wir ja schlecht - vielleicht dessen Nase nervt? Oder er die falschen Klamotten am Leib hat? Oder "dämlich" aus der Wäsche guckt? Draußen hängen womöglich jede Menge "Zöllner" rum - zumindest in unseren Augen. Sind wir willens, jedem eine Chance zu geben? Das heißt ja nicht, daß wir gleich die ganze Welt abknutschen müssen. Oder alles kritiklos wegstecken. Aber jeder, denke ich, hat ein Recht auf fair play.


Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Ich muß gestehen, daß ich bei der Predigt gestern gar nicht zugehört habe. Der Zelebrant war Rumäne und auf der Orgelempore versteht man sowieso akustisch schlecht.

Aber Deinen Gedanken habe ich einen Teil meines allerersten Blogeintrags gewidmet. Einerseits sollte man - ganz richtig, wie Du geschrieben hast - nicht mit dem Finder auf andere zeigen und ihnen immer eine zweite, dritte etc. Chance lassen (bemerkenswert, wie das dieses Jahr gegenüber den Piusbrüdern geschehen ist). Andererseits sollte aber auch Zivilcourage nicht verhindert werden. Wie oft habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich vor dem Essen in der Öffentlichkeit bete (also mit Kreuzzeichen) oder in der Bahn das Stundenbuch auspacke ...

Vox Coelestis ...................... hat gesagt…

Die "Zivilcourage" des Pharisäers hält sich stark in Grenzen: im Tempel - in der Kirche - beten kann jeder, ohne unangenehm aufzufallen (zumindest solange Kirchen noch allgemein auch als Gebetsstätten und nicht nur als Kulturprogrammpunkt für Touristen wahrgenommen werden). Wer heute hingegen im Bus den Rosenkranz aus der Tasche zieht oder in der Bahn das Brevier aufschlägt, der wird damit kaum der Umgebung (die ihn ohnehin womöglich für leicht meschugge hält) seine Frömmigkeit plakatieren wollen - das hat schon eher was mit Bekenntnis zu tun.

Ein Beispiel aus dem Leben: Manche Leute lieben ja "body modification", haben einen halben metallverarbeitenden Betrieb an, in und unter der Haut und Tätowierungen ohne Ende. Wenn ich so Menschen sehe, bin ich immer im ersten Augenblick entsetzt und mich fasst sofort eine Abneigung gegen diesen Zeitgenossen. An solche eigenen Erfahrungen dachte ich etwa bei meinem Beitrag: Schublade auf, Mensch rein und außerdem steht die Hölle, wie man am Gegenüber zu sehen glaubt, sowieso schon weit offen.

Für mich sind "modifizierte bodies" gefühlesmäßig Zumutungen von Narren, das sage ich ganz klar. Aber woher nehme ich das Recht, einen Menschen abzuurteilen, den ich nicht mal kenne? Der vielleicht nie im Gebetbuch schnuffelt und keinen Gott kennen mag, aber seinem Nächsten hilfsbereit begegnet? Wie Gott das mit dem abmacht, ist nicht in erster Linie meine Sache. Aber vielleicht setze ich meinem Gegenüber ja auch etwas zu, wenn ich meinen Glauben durchblicken lasse. Der mag das für eine Zumutung oder närrisch halten - aber vielleicht ist gerade hier Gott dabei, mit ihm einige Dinge klarzumachen. Weiß ich das ...?