Samstag, 1. August 2009

Regnavit a ligno Deus!

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Seit einiger Zeit habe ich das Stundengebet wiederentdeckt, quasi eine alte, aber in den letzten Jahren eher vernachlässigte Liebe und irgendwie ein Erbe meiner Schulzeit weiland auf dem FSSPX-Gymnasium in Diestedde. Damit dürfte auch klar sein, daß es sich sozusagen um die "außerordentliche" Form handelt, das "klassische" Breviarium Romanum. Natürlich nicht alles, sondern meist nur die Laudes oder Prim morgens (oder die Terz an besonders verschnarchten Vormittagen) und Vesper oder Komplet am Abend. Am vergangenen Freitag war allerdings ausnahmsweise die Non die nächstliegende Hore. Der zu betende Psalm hat mich im wahrsten Sinn des Wortes "zu dieser Stund" ungemein fasziniert.




Was für Psalmen würde man nun im Stundengebet an einem Freitagnachmittag um 3 Uhr erwarten, der Stunde von Golgatha? Irgendein total zerknirschter Psalm, etwas aus der Bußecke vielleicht? Oder irgendwas, bei dem man automatisch an den Gottesknecht aus Jesaja denkt? Psalm 21, vom Herrn in die Gottesverlassenheit am Kreuz geröchelt (einige Verse weiter: Ich aber bin ein Wurm, kein Mensch mehr, * von Menschen verspottet, verachtet vom Volk) kommt bereits in der Prim vor und Psalm 76 (Meine Stimme steigt empor zu Gott. Ich schreie - meine Stimme zu Gott, daß er mich höre; * am Tag meiner Angst ringe ich um den Herrn) prägt später die Komplet. Ähnliche Psalmen finden sich ferner im Umfeld dieses Tages.

Für den Freitagnachmittag hat die Kirche jedoch einen Psalm herausgesucht, der in seinen Sinnschichten zwar im letzten Drittel den (vorläufigen) Rückzug Gottes aus dem von Menschen veruntreuten Bund (samt der Folgen und entsprechendem Lamento) zum Thema hat, der aber vor allem überwiegend und überschwänglich (!) Gottes Heilshandeln an David besingt: Psalm 88. Schon der Anfang klingt wie Ostern …

Gratias Domini in aeternum cantabo; *
per omnes generationes annuntiabo
fidelitatem tuam ore meo.

Gnaden des Herrn will in Ewigkeit ich singen, *
durch alle Geschlechter wird künden mein Mund Deine Treue.

Das ist alles andere als der Haupt-voll-Blut-und-Wunden-Jammer, den man eigentlich zu solcher Stunde erwarten würde, am Freitagnachmittag zur Non. Hier geht es um mehr als nur frommen Versenken in die Betrachtung des Leidens Christi. Hier sammeln sich die Erlösten unter dem Kreuz, und die Kirche proklamiert den erhöhten Herrn, den König auf dem Kreuzesthron, der - regnavit a ligno Deus - vom Holz herab herrscht:

Tibi bracchium potens est, *
firma manus tua, dextera tua erecta.

Iustitia et ius sunt fundamentum throni tui; *
gratia et fidelitas praecedunt te.

Machtvoll Dein Arm, *
stark Deine Hand, erhoben Deine Rechte.

Gerechtigkeit und Recht sind Grundfesten Deines Throns, *
Huld und Treue schreiten einher vor Dir.

Das (und jede Menge mehr) sagt der Psalmist über Gott. Später spricht Gott selbst über David, „meinen Knecht“:

Atque ego primogenitum constituam eum, *
Celsissimum inter reges terrae.

Als Erstgeborenen will ich ihn einsetzen, *
zum höchst Erhabenen unter den Königen der Erde.

In der Erfüllung seiner Sendung wird das Kreuz für den Sohn Gottes, den neuen und eigentlichen David, zum Thron. Auf Golgatha verdichtet sich durch die Translatio des Alten Testaments mit seinen Verheißungen das Heilsgeschehen des Neuen Bundes in einer atemberaubenden Vision. Und in jener Stunde, in der die Verheißungen an den König des Alten Testaments über alle Enttäuschungen hinweg in Christus für die Ewigkeit bestätigt und beglaubigt werden, erhält auch die Frage des Psalmisten eine letzte und letztgültige Antwort:

Quis est, qui vivat nec videat mortem, *
qui e manu inferi subtrahat animam suam?

Wo ist der Mann, der leben bliebe und nicht den Tod erführe? * Der sein Leben entzöge der Hand der Schatten?

Die Kirche hätte für die Non am Freitag kaum einen anderen Psalm wählen können, der so beziehungsreich und visionär einen Bogen vom Kreuzestod zum Gottesreich hin schlägt.

1 Kommentar:

G.F. hat gesagt…

oh schreck du verwendest ja die übersetzung von kard bea...sie entspricht zwar tatsächlich dem urtext mehr als die klass. vulgata ist aber extrem hölzern und mühsam zu lesen. Da ist die Version in der Liturgia horarum (nach der Neo-Vulgata) noch besser;